Richard Keller war von Oktober 2014 bis Ende März 2015 ein Teil unseres Teams «Visuelle Gestaltung». Unter anderem konzipierte er die Flyer und Plakate für die Veranstaltungsreihe «Kulinarische Köstlichkeit im Kulturmarkt» und gestaltete den Jahresbericht 2014. Nach seinem Einsatz im Kulturmarkt, verschob Richard seinen Lebensmittelpunkt auf die Philippinen, die Heimat seiner Frau Edith. Im Beitrag erzählt unser ehemaliger Grafiker über seine Zeit vor dem Eintritt in den Kulturmarkt und wie er diesen erlebte. Uns hat seine Geschichte berührt, beeindruckt und eine gehörige Portion Respekt abverlangt.

 

Kollegialität und Vielfalt an Lebensbildern zum Abschluss meines Berufslebens

von Richard Keller, Toledo / Philippinen

Arbeitslos zu werden ist scheusslich! Vor allem dann, wenn einem nach bald 30 Jahren in gleicher Stellung gekündigt wird und man zwar eine Tumoroperation gut hinter sich brachte, aber durch eine ergänzende Chemotherapie leider eine chronische Nervenkrankheit (Polyneuropathie) ausgelöst wurde.

Hauptsache, die Finanzen sind «gesund»

Die Taggeld- und Krankenversicherung des Betriebs forderte mich auf, mich bei der Sozialversicherungsanstalt anzumelden. Eine 50-Prozent-IV-Rente wurde mir in Aussicht gestellt. Meine Chefin fand allerdings, ich könne doch meine vom Onkologen festgelegte Arbeitsfähigkeit von 50 auf 70 oder 80 Prozent aufstocken – die Arbeitgeberin als Spezialistin für «gesunde» Finanzen. Ich widersprach. Ende Januar 2014 empfing mich meine Vorgesetzte zur Aussprache, wunderte sich, dass ich nach all diesen Ereignissen die Fassung behielt, und liess mich gleich meine Kündigung unterschreiben. In der hiess es dann lediglich, meine Chefin habe mich mündlich über die Gründe informiert. Punkt. Kein Vorschlag einer für beide Seiten akzeptablen Lösung. Einfach Schluss. Fertig. Aus. Eine Rechtsanwältin erklärte mir daraufhin, dieses Vorgehen sei rechtens, was mich in ungläubiges Erstaunen versetzte.

Ringen um korrektes Arbeitszeugnis

Die dreimonatige Kündigungsfrist lief aus und ich erhielt ein Arbeitszeugnis, in dem meine Krankheit als Kündigungsgrund angeführt wurde. Ich schäumte. Der Rechtsdienst, den meine RAV-Beraterin eingeschaltet hatte, nahm sich der Sache an. Mit Müh und Not und nach ewig scheinenden Wochen sowie rund 20 Bewerbungen mit dem beanstandeten Arbeitszeugnis willigte die Ex-Chefin ein, ein korrigiertes Attest abzugeben.

Aussichtslose Arbeitssuche. Fall in eine Depression

Eine für Mitte September 2014 angesetzte Verhandlung beim Friedensrichter musste ich wegen eines Nervenzusammenbruchs absagen. Ich beschloss, den Kampf gegen Sturheit und Uneinsichtigkeit aufzugeben. In der Folge konzentrierte ich mich auf die Stellensuche und führte zwei private Grafik-Aufträge aus. Das Bewerben war für die Arbeitslosenkasse und die Taggelder notwendig. Mir und der RAV-Beraterin war indes klar: Die Anstrengungen würden keine Früchte treiben. Über 60 Jahre alt, nur zu 50 Prozent arbeitsfähig – wo gibt es da noch eine Chance? Eine Depression und Selbstzweifel folgten der an sich überstandenen Krankheit.

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So arbeiten die Leute im Kulturmarkt zusammen: Die Teams «Visuelle Gestaltung» und «Marketingkommunikation» besprechen die Flyer- und Plakatentwürfe für die Reihe «Kulinarische Köstlichkeit im Kulturmarkt»

Eintritt im Kulturmarkt gab Auftrieb

Mein privates Umfeld, die Ärzte und vor allem die Freude an der wieder aufgenommenen Arbeit – auch Hausarbeit – halfen mir enorm. Vom Oktober 2014 bis Ende März 2015 konnte ich im Fachbereich «Visuelle Gestaltung» des RATS im Kulturmarkt an einem Qualifikationsprogramm teilnehmen. Vorab so viel: Ich habe meine Zeit im Kulturmarkt genossen. Ich habe erlebt, was eine Schicksalsgemeinschaft bedeuten und bewirken kann. Junge und Alte, Schweizer und Ausländer, Frustrierte und von Hoffnung Erfüllte gingen ein Stück Lebensweg miteinander. Und alle waren voller Zuversicht, im ersten Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen.

Im Kulturmarkt: Chance auf versöhnlichen Abschluss meines Arbeitslebens

Gleich mehrere Dinge machten mir die Zeit im Kulturmarkt zum wertvollen Erlebnis: Ich konnte mir einen schönen Abschluss meines Arbeitslebens ermöglichen, zum ersten Mal in einem grösseren Betrieb arbeiten und mit Menschen aus so unterschiedlichen Berufsfeldern wie Gastronomie, Hausdienst, Gestaltung, Kommunikation, Veranstaltungs-management und Kulturarbeit ein lebendiges Netzwerk knüpfen. Wer hier im Kulturmarkt offen und kommunikationsfreudig ist, hat gute Chancen, dort anzukommen, wo er oder sie hinwill. Das Angebot ist gross, die Infrastruktur flexibel, die Stimmung gut, die Strukturen offen, die Hierarchie flach und die «Location» hat Charme. An der Ämtlerstrasse 23 in Zürich-Wiedikon wird ein Modell in die Praxis umgesetzt, von dem manch ein gewinnorientiertes Unternehmen lernen könnte.

«Freude und Spass an dem, was man tut, sind ausschlaggebend. Auch das kann man im Kulturmarkt erleben oder zurückgewinnen.»

ZUSAMMENARBEIT wird im Kulturmarkt grossgeschrieben

Im Kulturmarkt tauscht man sich aus – das ist ganz wichtig. Im Plenum, in dem sich Neuangekommene vorstellen, beim Mittagessen, in der Rauchpause oder im Treppenhaus werden Erfahrungen ausgetauscht, Mut gemacht, Frust abgebaut, Persönlichkeit aufgebaut, motiviert. Das ist ein natürlicher, spontaner Prozess unter den Stellensuchenden. Die Gestalter geben dem Restaurant ein «Gesicht» und loben die Leistungen des Gastro-Teams. Die Mitarbeitenden des Hausdienstes renovieren das Treppenhaus und richten die Lichter, die Tontechniker machen dasselbe für die Bühne und sorgen für Wohlklang an den Veranstaltungen – oder auch dann, wenn die Kulturschaffenden ihre Sprechproben für ihre Bewerbung aufnehmen. Die Leute der Grafikabteilung wiederum gestalten das CD-Cover. Alles geht Hand in Hand. Effizient, zuverlässig, motivierend. So geht das.

Wir alle sind Schauspieler

Shakespeare wird das Zitat «Die ganze Welt ist eine Bühne» zugeschrieben. Welche Rolle wir darauf spielen, liegt an uns und unseren Fähigkeiten. Und wahrscheinlich am Charakter. Ob in der Hauptrolle oder als Statist, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Freude und Spass an dem, was wir tut, sind ausschlaggebend. Auch das kann man im Kulturmarkt erleben oder zurückgewinnen, je nachdem. Auf der Bühne, in der Küche, beim Papierkorbleeren. Eigentlich auf Schritt und Tritt.

Beziehungen für die Zukunft

Von 88 Teilnehmenden fanden im Jahr 2014 deren 35 eine Festanstellung im ersten Arbeitsmarkt, zehn machten sich selbstständig oder nahmen eine Weiterbildung in Angriff. Und so gehört Abschiednehmen zu gleichen Teilen zu den traurigen und den schönen Momenten, die man im Kulturmarkt erlebt. Die Kontakte zu den Weggefährten bleiben oftmals erhalten. Auch um mich herum ist ein Netzwerk entstanden. Es trägt. Und es entwickelt sich weiter.