Reto Zanettin schaut zurück auf das Kulturmarkt-Fest «5.28».
«Mein persönliches Highlight der ersten Stunden?! Schwer zu sagen … Der ornithologische Spaziergang durchs Quartier hat mir gefallen. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass Tauben eigentlich an Felswänden nisten und sich darum an den Häuserfassaden von Zürich gut zurechtfinden. Interessant, nicht!? Aber so richtig angetan bin ich vom Flohmarkt. Habe mir dieses Teesieb gekauft …» Die Frau mittleren Alters hob das Bijou aus ihrer Handtasche. «Aus 800er-Silber, im Jahr 1879 angefertigt, ein Unikat», belehrte sie uns. «Was glauben Sie, was ich für die bezahlt habe?» Wir, ahnungslos, sahen uns zu einer Antwort genötigt: «150 Franken? Wohl eher 200 …!?» Stolz verkündete die Raritätensammlerin, das Teesieb für nur 30 Franken erstanden zu haben. Wir glaubten ihr das. Denn in der Tat konnten die Festbesucherinnen und -besucher an den 23 Flohmarktständen für wenig Geld so ziemlich alles erwerben, was entweder zweckmässig ist oder das Leben verschönert: antike Postkarten, Bücher, Dekorationsartikel, DVD, einen Fernseher, Gläser, handbemalte Christbaumkugeln, Haushaltsartikel, Kleider, Schmuck, Schuhe, Spiegel, Spiele, Uhren, Vasen und dergleichen.
Gross und Klein lauscht Kindergeschichten
Plötzlich erdröhnte aus dem Getümmel eine Posaune der Marke «Eigenbau» und riss uns aus dem Gespräch mit der Dame, die ihr Teesieb rasch wieder in der Handtasche verschwinden liess. Thomas Troll, einer unserer Kulturschaffenden, blies zu einer weiteren Lesung der Kindergeschichten. Rund zwanzig kleine und erwachsene Kinder folgten ihm, Olivia Limina, Wolfgang Beuschel und Sandro Stocker in den Kalkbreitesaal. Dieses Mal erzählten die vier Kulturschaffenden von Michel aus Lönneberga, der seinen Kopf in eine Suppenschüssel steckte und nicht mehr herauskam. Sie werden die Geschichte «Michel in der Suppenschüssel» von Astrid Lindgren kennen, nicht wahr? Sonst hätte es sich ganz besonders gelohnt, unseren Kulturschaffenden zuzuhören.
Oleg Lips lockt die Sonne hervor
In der Zwischenzeit schlugen die Kirchenglocken des Kreises drei 11 Uhr. Auf der Bühne im Theatersaal stimmten die Mädchen und Jungen des Schulhauses Zurlinden in den «Jungle Song» und in «We Will Rock You» ein. Die Aufführung des Musikprojekts dauerte etwa eine Viertelstunde, und je länger die Schüler sangen, desto deutlicher konnten wir den Geruch von gegrillten Würsten, Hohrückensteak und Curry vernehmen. Mittagessen!
Ab 12 Uhr führte der Weg zum Grill nur noch an Oleg Lips und seinem Akkordeon vorbei. Die Leidenschaft und Güte, mit welchen der Musiker das Instrument zum Klingen brachte, ermunterten selbst die Sonne, doch noch etwas Wärme und Licht zu unserer Festgesellschaft zu schicken.
Einige spassten jedoch, die rund einhundert Regenschirme würden nun wohl kaum mehr ihre Käufer finden. Die Rede war von den Schirmen, die im Hof in Reih und Glied aufgestellt waren. Die Idee zur Aktion «Schirmverkauf» entstand in den Tagen vor dem Fest: Vom Fundbüro der Stadt Zürich beschafften wir die Parapluies, um sie für fünf Franken pro Stück unter die Leute zu bringen. Die Aktion gefiel den Leuten. Bis 16 Uhr wechselten gut und gern 70 Schirme den Eigentümer respektive die Eigentümerin.
Andalusien und Auktion befeuern die Stimmung
Zu einem Spontankauf entschloss sich auch die Dame, die das Teesieb am Flohmarkt erworben hatte. Passend zu diesem wählte sie einen antik wirkenden, äusserst stilvollen Schirm. Als sie uns sah, rief sie uns zu, sie sei ja noch ganz mitgerissen vom Auftritt der Tanzschule «baile flamenco». Die pure Lebensfreude der Künstler, die Eleganz ihrer Bewegungen, die Klänge der spanischen Gitarren – «Ein Stück Andalusien mitten in Zürich», fasste die Dame mit dem Sinn für Auserlesenes ihre Eindrücke zusammen. Wir freuten uns mit ihr und luden Sie ein, im Theatersaal an der kurzfristig ins Programm eingeflochtenen Versteigerung von weiteren Regenschirmen, einer Fahrradglocke, einer Querflöte, einem Fondue-Caquelon sowie einigen weiteren Gegenständen teilzunehmen. Thomas Troll erwies sich als ausgesprochen begabter Auktionator. Die Bietenden, ob jung oder jung geblieben, fingen dermassen Feuer, dass sie den Preis bis auf das Dreifache des Startgebotes trieben. Zu Exzessen kam es indes nicht: Beispielsweise ging die Fahrradglocke für 2.10 Franken. Oder die Querflöte wurde für 42 Franken ersteigert.
Hammer-Bild gewinnt den Facebook-Foto-Wettbewerb
An der Auktion entstand übrigens auch das Siegerbild des Facebook-Foto-Wettbewerbs, für den 36 Bilder eingereicht wurden. Es hält den Augenblick fest, in dem Thomas Troll den Hammer zum dritten Mal niederschmetterte und so die Versteigerung der Fahrradglocke schloss. Der Gewinner eines Abends «Kulinarische Köstlichkeit im Kulturmarkt» wird den Gutschein in den nächsten Monaten einlösen – womöglich bereits am 27. August beim «KKK-Chili».
Sie können die Bilder auf unserer Facebook-Seite unter «Beiträge auf dieser Seite» in der rechten Spalte anschauen. Beachten Sie jeweils auch, was die Autoren zu ihren Bildern geschrieben haben – zum Beispiel Andreas Weber, der um 9.17 Uhr eine Fotografie von sieben Spiegeleiern mit einem Querdenker-Spruch ins Rennen um den «KKK»-Gutschein schickte.
Das Bleibende in eine Nussschale gepackt
Mit den Stimmen des «Kreisch-3»-Chores klang das Kulturmarkt-Fest aus. Was bleibt von den Erlebnissen dieser 10 Stunden und 32 Minuten? Ja, gewiss, all das bleibt haften: die Erinnerungen an die künstlerischen Beiträge, die Fotos, die Einkäufe auf dem Flohmarkt, das Bewusstsein, mit knappen Ressourcen ein herausragendes Fest auf die Beine gestellt zu haben. Vor allem aber keimt bereits die Vorfreude auf das nächste Kulturmarkt-Fest.



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