Nachdem Thomas Troll während eines Jahres im Bereich «Kulturschaffende» arbeitete, stieg er Mitte August wieder im ersten Arbeitsmarkt ein. Der Schauspieler und Sprecher lässt seine Erfahrungen im Kulturmarkt Revue passieren.

Von Reto Zanettin

Thomas Troll und ich nehmen unter den Palmen im Vorhof des Kulturmarktes Platz. Den Kaffee hat er mir offeriert. Was er aus seinem Leben und Schaffen im Kulturmarkt mitnehme, frage ich. «Ich ziehe mit einem randvollen Rucksack eine Lebensstation weiter», fasst mein Gesprächspartner seine Erfahrungen zusammen und gewährt mir einige Blicke in seinen gut gefüllten Rucksack.

«Der plötzliche Spaziergang» im Tonstudio

Auf seiner neu aufgebauten Website präsentiert sich Thomas Troll als Schauspieler, Sprecher, Alphornbläser und Anbieter von Kursen in Kommunikation, Auftrittskompetenz und Teambildung. Von seinen Qualitäten können sich Seitenbesucher und -besucherinnen mit Videos, Fotos, seiner Vita sowie einem Dutzend Audio-Casts überzeugen. Letztere enstanden mit der Unterstützung von Dorian Rodis, dem Fachleiter Tontechnik im Kulturmarkt. Beispielsweise hört man ihn für eine Versicherungsgesellschaft werben oder aus «Max und Moritz» vorlesen. Mit einem Sachtext erläutert er, was eine Reportage ist und trägt Franz Kafkas «Der plötzliche Spaziergang» vor.

Die Techniken zur Gestaltung seiner Website lernte der Kulturschaffende im Kurs «Webdesign mit Jimdo». Auch an Seminaren in «Selbst- und Fremdwahrnehmung» und «Netzwerken» nahm Thomas Troll vom Kulturmarkt aus teil. Unter der Anleitung von Isabella Ladner, Kursleiterin und Bewerbungscoach, vertieften er und seine Kolleginnen und Kollegen beispielsweise die Wechselwirkung von Körpersprache, Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Erscheinungsbild.

In einem 16-tägigen Lehrgang machte sich Thomas Troll mit «Yat Work» vertraut, einer Methode, mit der geistige Vorgänge über Bewegung und Stimme ausgedrückt werden können. Das gewonnene Know-how festigte der Kulturschaffende aus Hessigkofen bei Solothurn in Projekten sowie in Gesprächen mit Wolfgang Beuschel, dem Bereichsleiter «Kulturschaffende».

In der Eigenproduktion «Mozart. Arien, Lieder und Briefe» ging Thomas Trolls Stern als Sprecher auf.

Null Erfahrung, trotzdem kompetent

Von Wolfgang Beuschel spricht Thomas Troll denn auch als seinem persönlichen Coach. Dazu ein Beispiel: Thomas Troll war drauf und dran, einen Auftrag für ein Voice-over abzulehnen, da er einen solchen noch nie ausgeführt hat. «Thomas, Du bist Sprecher, also kannst Du das!», habe ihn Wolfgang Beuschel zu einer Zusage ermutigt. Der professionelle Sprecher meisterte seine Aufgabe, die Projektverantwortlichen zeigten sich begeistert, die Erfahrung brannte sich in Thomas Trolls Gedächtnis ein. Heute habe er die Gewissheit, mit seinen Fähigkeiten auch für ihn neuartige Aufgaben übernehmen zu können. Ganz nach dem Motto «Noch nie gemacht, trotzdem kompetent».

Ideen reifen im Gespräch

Boguslaw Bidzinski, ein Opernsänger mit zeitlich befristeter Anstellung im Kulturmarkt, sprach oft über die Welt der Oper. Thomas Trolls Interesse hielt sich indes in Grenzen. Den Zugang fand er, als der Tenor aus Polen ihm eine Idee präsentierte: «Du, Thomas, ich habe da was für Dich … ein Abend rund um Mozart …» Thomas Troll sollte aus den Briefen von Wolfgang Amadeus Mozart vorlesen. Boguslaw Bidzinski sowie zwei bis drei weitere Musikerinnen und Musiker würden Arien und Lieder des begnadeten Komponisten zum Klingen bringen.

Das Gespräch der beiden Kulturschaffenden kam in Gang, sie zogen Wolfgang Beuschel hinzu, liessen die Idee reifen, lasen sich in den Stoff ein, holten eine Sopranistin, einen Bassbariton und eine Pianistin ins Boot. Proben folgten. Am 23. März 2015 führten die Künstler die Eigenproduktion «Mozart. Arien, Lieder und Briefe» im Theatersaal des Kulturmarktes auf.

Mit seinen Schilderungen unterstreicht Thomas Troll dieses Zitat von Wolfgang Beuschel: «Wir müssen die Ideen nicht suchen, sie entstehen im Austausch automatisch». Und sie tragen ihre Urheber weiter, lenken ihre Wahrnehmung auf Chancen, die zuvor ausserhalb ihres Blickfeldes lagen, oder fördern deren Vernetzung.

Am Netz werken

Die Aufnahmen der Eigenproduktion dienen Thomas Troll und seinen Kollegen zum Beispiel als erstklassiger Leistungsnachweis bei Bewerbungen für weitere Projekte. Bei der Produktion der CD packten Phillip Ziegler in der Lichttechnik und Dorian Rodis in der Tontechnik mit an. Das CD-Cover und den Flyer kreierte Silvya Ivanova aus dem Team «Visuelle Gestaltung», das Renate Schlatter leitet. Aus den Gesprächen mit internen und externen Partnern sowie der Arbeit am Stück wuchsen Beziehungen. Und aus diesen bildeten sich Netzwerke.

Gerade das Thema «Netzwerken» gewann für Thomas Troll im Laufe seiner Kulturmarkt-Zeit zusehends an Bedeutung. So platzierte er sein Bewerbungsdossier in mehreren Büros, die Kulturschaffende an Projektverantwortliche vermitteln. Beim Mittagessen im Kulturmarkt-Restaurant lernte er die Inhaberin einer Kommunikationsagentur im Zürcher Kreis 3 kennen, verbrachte mit ihr ein halbes Dutzend Mal die Mittagspause. Sie tauschten ihre Visitenkarten und blieben in Kontakt. Die Menschen im Kulturmarkt vergleicht der 64-Jährige mit einer Familie, in der er über Freud und Leid, Zu- oder Absagen für Castings und Projekte, Bewerbungsstrategien oder Pläne für die berufliche Zukunft reden konnte.

Als Auktionator machte er am Kulturmarktfest einen brillianten Job. In Zukunft werden wir ihn aber vor allem auf der Theaterbühne sehen.

Volles Programm! Thomas Troll ist bis Ende 2016 ausgebucht

Seit Kurzem und bis Ende November arbeitet Thomas Troll als Kundenberater für eine Küsnachter Firma. Es gefalle ihm. Für ihn als Sprecher und Schauspieler sei die Arbeit eine Art Weiterbildung in Rhetorik. Leidenschaft entwickelt er aber fürs Theater, für Rollen als Sprecher und Schauspieler. In eine solche schlüpft der ehemalige Chef de Train der Deutschen Bahn ab Anfang Dezember. Es wird das erste grosse Theaterprojekt nach seiner Zeit im Kulturmarkt sein. Titel des Stücks: «Mord im Himmel». Die Première wird am 31. Dezember in Zürich aufgeführt werden. Anschliessend läuft das Stück bis April 2016 in allen deutschsprachigen, Schweizer Grossstädten.

Das darauffolgende Theaterprojekt trägt den Arbeitstitel «Ich hab sie doch nur auf die Schulter geküsst» und wird mit Musik aus der Operette «Der Bettelstudent» von Carl Millöcker auf die Bühne gebracht werden. Thomas Troll wird die Hauptrolle des Jan Janicki spielen. Das Theaterstück sowie zwei Filmproduktionen füllen die Agenda von Thomas Troll zwischen Mai und Ende 2016. Und zwar so reichlich, dass er sich sein für nächstes Jahr geplantes SVEB-1-Zertifikat erst zu einem späteren Zeitpunkt in die Vita schreiben können wird. Beibehalten wird er das Bewerben. Von nun an aber ohne Auflagen des RAV. Es gehe ihm darum, auch im Jahr 2017 als Schauspieler und Sprecher seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Nachdem Thomas Troll und ich nun den Nachmittag unter den Palmen im Vorhof verbracht haben, ich ihn voller Selbstvertrauen und Zuversicht erlebt habe, bin ich überzeugt: Thomas Troll, der macht seinen Weg.

 


 

Thomas Troll und ich hatten unser Gespräch ausklingen lassen und stiegen die Treppe zu unseren Büros im Kulturmarkt-Gebäude hoch. Plötzlich blieb mein kulturschaffender Kollege stehen: «Du, Reto, wir haben etwas vergessen … Können wir alle Festangestellten, die wir im Text nicht berücksichtigt haben, noch mit ein paar Worten erwähnen.» Er stelle sich das etwa so vor, meint Thomas Troll, und beginnt aus dem Stegreif zu sprechen – ganz der Profi:

«Dieter Sinniger. Der neue dynamische «Chef», der sich angenehm immer wieder unters «Volk» mischte und dadurch einen direkten, unkomplizierten Dialog mit der Basis ermöglichte.

Barbara Roth. Sie mimte die erste Claqueuse an der Mozart-Produktion und war treue Supporterin bei jeder Veranstaltung im Kulturmarkt.

Jörg Ott – geduldig, trotz meinem überdurchschnittlichen Manko an IT-Verständnis.

Markus Mächler, der tangotanzende Hauswart mit dem Händchen für alles, wirklich alles – inklusive für die Mundstückextraktion aus dem Alphorn mit Säge, Hammer und Feingefühl.

Nicole Döbeli, die mich mit ihrer professionellen und herzlichen Begabung für die Gastronomie begeistert.

Eva Eidenbenz. Unter anderem brachte sie alle meine Texte elegant wieder auf den Punkt.

Helge Jantzen – Chefkoch der überdurchschnittlichen Art.

Tom Gerber – der Ober-Gastronom und Dienstleister bis ins feinste Detail.

Giliane Zimmermann, die ehemalige Punk-Musikerin: Sie machte selbst die etwas bürokratische Zeitabrechnung immer wieder zu einem freudigen Erlebnis.

Michel Good. Er übernahm «good» und sensibel das Ruder der Veranstaltungsabteilung.»

 

Allen, die im Kulturmarkt ein Stück Lebensweg mit mir gegangen sind, danke ich mit Alphornklängen aus vollem Herzen.