«Warum haben Sie bei Ihrem letzten Arbeitgeber gekündigt?» Das ist eine der Top-3-Fragen, die mir bei jedem Job-Interview gestellt wird. Die Antwort dazu hat mir seit einem Jahr ein paar graue Haare beschert. Nicht nur, dass mir die Entscheidung zu kündigen vor über anderthalb Jahren schwer fiel, ich hinterfrage mich auch immer wieder, wenn ich auf die Zeitspanne nach der Kündigung bis heute zurückblicke: Hat es sich gelohnt?

Von Sebastian Schilling

Ich war ein sehr engagierter und loyaler Mitarbeiter im Verkaufsinnendienst. Die Stelle war für mich der sichere Hafen, und zwar sechseinhalb Jahre lang. Bis mir klar wurde, dass ich mich in einer Sackgasse befand. Als Praktikant frisch ab der Schule sprang ich mutig in das kalte Wasser eines grossen, internationalen Unternehmens und die Lehrstunden waren intensiv. Kurz nach der erfolgreich bestandenen Ausbildung als Marketingfachmann entstand meine Vision und alles fing an, sich um die Begriffe «Marketing» und «Kommunikation» zu drehen. Im Grunde waren die Tage im alten Job ab diesem Zeitpunkt gezählt. Ich war bereits Teil vom Inventar und das wollte ich nicht. Der Unterschied zu früher war meine innere Einstellung: Ich war bereit, den nächsten Schritt zu wagen und neue Herausforderungen anzugehen. Das Ziel war, den Einstieg ins Marketing zu schaffen. Das stand nun fest. Es war mir jedoch bewusst, dass der Weg nicht einfach sein würde. Meine damaligen Bewerbungsbemühungen brachten gar keinen Erfolg. Dann kam der endgültige Abschied und mit ihm das Eingeständnis, dass ich das dringende Bedürfnis hatte, mir eine kleine Auszeit zu gönnen. Meine Kraftreserven musste ich dringend neu aufladen.

 

Neue Schritte

So bildete ich mich privat weiter. Meine ersten Schritte in der Kommunikation machte ich mit einem guten Freund. Alles war sehr technisch, aber unheimlich kreativ. Mit neuer Energie ging ich den nächsten Karriereabschnitt an. Meine persönliche Erkenntnis blieb bis heute gleich: die Vision, für die ich mich entschieden hatte, war es wert, von nun an für eine feste Stelle im Marketingbereich zu kämpfen.

Aus finanziellen Gründen blieb mir kein anderer Weg übrig, als mich offiziell arbeitslos zu melden. Solch ein Schritt ist für die meisten gar nicht einfach. Es braucht Mut und Kraft. Man hofft auf das Verständnis einer Gesellschaft, deren Messlatte, was die materiellen Werte betrifft, sehr hoch liegt. Für einen Arbeitslosen oft zu hoch.

 

Die Wende

Eines Tages bekam ich ein völlig unerwartetes Angebot. Meine RAV-Beraterin schlug mir das Qualifizierungsprogramm beim Kulturmarkt vor. Ehm, was für einen Markt? Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Eine pessimistische Vermutung ging mir nicht aus dem Kopf: Ist das ein Beschäftigungsprogramm, damit ich mich zuhause angeblich nicht langweile? Oder etwa eine Beschäftigungstherapie als Rechtfertigung für meine Taggelder? Ich verstand den Sinn nicht. Warum sollte ich mich irgendwo 100 % beschäftigen, weiterhin die üblichen Taggelder bekommen, aber gleichzeitig intensiv eine Stelle suchen und mich weiterbilden? Will man mich etwa in meiner Situation ausnutzen? Das Angebot hatte mich völlig verwirrt.

Die beruhigende Aufklärung kam bei der Info-Veranstaltung. Sie gab mir ein genaues Bild über die soziale Institution und die angebotenen Möglichkeiten, meine beruflichen und fachlichen Kenntnisse zu erweitern und verbessern. Ich spürte, dass ich mir diese Chance nicht entgehen lassen sollte. Mit viel Unsicherheit und Hoffnung sagte ich zu. So begann die Reise als temporärer Mitarbeiter (TMA) im Kulturmarkt.

Newsletter schreiben, Veranstaltungsflyer nach Kundenwunsch mit der Grafikabteilung erstellen, Facebook-Fanseite regelmässig pflegen, die Abendkasse für Veranstaltungen führen, all diese Aufgaben und einige mehr waren fester Bestandteil des Jobs. Zwei weitere Bestandteile waren in den 9 Monaten meines Einsatzes entscheidend wichtig:

Einerseits waren es die fachlichen und die persönlichkeitsfördernden Weiterbildungskurse: Was braucht es, damit meine Botschaft beim Empfänger im meinem Sinn verstanden wird? Wie ausführlich sollte ich mich vor einem Vorstellungsgespräch vorbereiten? Wie nehmen mich andere wahr? Schätze ich mich richtig ein? Wie bewusst ist mir mein Netzwerk und wie kann ich es ausbauen? In den Kursen fand ich die Antworten auf diese für mich unheimlich spannenden Fragen.

Anderseits war es der soziale Austausch mit den anderen TMA und mit den Fachleiterinnen und -leitern. In offenen Gesprächen mit ihnen, die ähnliche oder auch komplett andere Lebens- und Berufserfahrungen mit sich tragen (nach dem «Rucksackprinzip»), teilte ich Sorgen und Wünsche für die Zukunft. Schlussendlich sassen wir TMA alle im gleichen Boot. Es gelang uns immer wieder, in die gleiche Richtung zu rudern, und so näherten wir uns unseren Zielen.

 

Vertrag mit mir

Zurück zu meiner Frage: «Hat es sich gelohnt?» Ja, es hat sich gelohnt! Mit Überzeugung kann ich dies heute bekräftigen. Meine Reise bisher war nicht einfach, aber ich bereue nicht, diesen Weg gewählt zu haben. Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung liegt es an uns, unsere persönlichen und individuellen Baustellen zu erkennen und zusammen mit professioneller Unterstützung an ihnen zu arbeiten. Es braucht die Bereitschaft sich weiterzuentwickeln, um eine Chance im richtigen Augenblick zu packen. Für mich ist diese innere Bereitschaft ein intimer Vertrag mit sich selbst, der uns die nötige treibende Kraft zur Verfügung stellt, um unsere Ziele und Wünsche verfolgen und erfüllen zu können.

«Wege entstehen dadurch, dass man sie geht» (Franz Kafka): In diesem Sinne bedanke ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen vom Kulturmarkt, mit denen ich zusammenarbeiten und von denen ich so viel lernen durfte. Mit neuen Perspektiven und einer starken persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung gehe ich meinen Weg weiter mit der Zuversicht, dass ich dafür mehr denn je bereit bin.