Vier neue temporäre MitarbeiterInnen treffen sich vor dem Kulturmarkt und erzählen Haarsträubendes. Basis der Geschichte ist eine hochkomplexe empirische Datensammlung. Sie beruht auf zahlreichen Einzelgesprächen, wochenlanger Beobachtung und einem Berg Fragebögen. Daraus entsteht ein unumstössliches Bild jedes der vier Individuen; ein Bild, welches selbst Sigmund Freud freudsche Freudentränen in seine seligen Augen treiben würde. Die Namensgebung der vier erfolgte auf Wunsch über ein Pseudonym oder den echten Vornamen. Los.
Text und Bild von David Marti
Vor dem Kulturmarkt, viertel vor neun am Morgen. Gwundernase, gross und adrett gekleidet, hält in seiner Hand ein Fahrradreparaturset. Seine Hände haben den Schwärzegrad eines Zürcher Velomechanikers kurz vor Mittag. Gwundernase schaut zu Sonnenkind. Zwischen ihnen steht, auf dem Sattel aufgebockt, Sonnenkinds Velo. Wie das denn passiert sei, fragt Gwundernase. Sonnenkind zuckt kurz mit den Schultern, lacht und sagt, sie sei heute Morgen spät aufgestanden, habe verschlafen, weil die Sonne nicht geweckt habe, darum eine Stunde früher wach, statt 6:40 5:35 Uhr, total unüblich, die Treppe im Sturzflug, Nachbarin überrannt… Gwundernase versucht etwas einzuwenden, doch Sonnenkind spricht in horrendem Tempo, presto, bisweilen in prestissimo schmettert sie die Worte jedem in Hörweite um die Ohren.
Ausserhalb ihrer Hörweite an der Strassenecke, wo sich die Fahrtwinde der Linienbusse 32 und 72 kreuzen, läuft Chrieseli auf die Gruppe zu. «Was habt ihr denn hier gemacht?» fragt sie verwundert in ihrem Ostschweizer Dialekt. Gwundernase, diesmal schneller als Sonnenkind, erklärt: «Ja, schau, Sonnenkind ist spät aufgestanden, hat ihr frühmorgendliches Yoga verpasst, wollte dies fahrend auf dem Velo nachholen und voilà: Der Teebeutel hat sich im Kettenblatt verfangen.»
«Hä? Wie kommt denn der Teebeutel hinein?» fragt Chrieseli
«Er fiel Sonnenkind aus der Teetasse, als sie gerade den Krebs machte», sagt Gwundernase.
«Skorpion», lacht Sonnenkind.
Chrieseli zu Sonnenkind: «Du machst Yoga und trinkst auf dem Fahrrad und das durch den Zürcher Stadtverkehr? Irre!»
Ein kräftiger Glatzkopf mit frechem Bärtchen trägt einen Werkzeugkoffer und begrüsst die Gruppe:
«Was ist los? Habe eure Probleme gesehen. Any trouble?» Es ist Tony. Tony reisst den Werkzeugkoffer auf, nimmt einen Vorschlaghammer von der Grösse einer Strassenlaterne hervor und weist die Gruppe an, zur Seite zu gehen.
Sonnenkind macht grosse Augen. «Just kidding», sagt Tony und greift zu einem Schraubenzieher.
Chrieseli fragt die anderen, ob sie gestern die Sendung Kulturmarkt auf SRF1 gesehen hätten. Gwundernase korrigiert. Chrieseli sagt, jaja, sie verwechsle eben immer die Begriffe. Tony meint, Kultur habe einen Platz und einen Markt, zeigt dabei erst auf sein Herz und nimmt dann seine Geldbörse in die Hand. Gwundernase sagt, Kultur halte fit wie Sport. Sonnenkind erwidert, ja, für Einzelne stimme das vielleicht, aber fit halte sie sich immer noch mit Sport selbst. Sport sei Ablenkung, meint Tony. Wovon möchte Chrieseli wissen. «Massenmedien und ihrem Shit», antwortet Tony. «Hey Achtung, es ist ein ehemaliger Journalist unter uns!», ruft Chrieseli. «Sport», sagt Gwundernase. Sport habe sie schon gemacht heute früh am Morgen, gerannt auf den Zug sei sie, sagt Chrieseli.
«Was ist früh?» fragt Tony, der inzwischen unbemerkt den Velorahmen von der Kette gelöst hat und sich an der Tretkurbel zu schaffen macht, was just in dem Moment auch Sonnenkind zu bemerken scheint, da sich ihr fröhliches Antlitz zu einem besorgten wandelt, gerade so als ob sie ihren allerliebsten Begleiter einer kleinen Schürfung wegen in ärztliche Behandlung gegeben hat und sich jetzt bewusst wird, dass ein Chirurg dessen Körperteile amputiert.
«6 Uhr», sagt Gwundernase, «ist zwar nicht früh, aber so kann ich vor Arbeitsbeginn beim Kulturmarkt noch ein paar private Dinge erledigen.»
«5:35 Uhr», lacht Sonnenkind, die den Operationsverlauf ihres treuen Begleiters bereits wieder vergessen zu haben scheint, «zu Yoga und Tee am See, im Wald, am Meer, in den Bergen, im Garten…»
«5:30 Uhr», ruft Tony und schwingt triumphierend das Zahnkranzpaket mitsamt Schaltwerk. «Am besten zur Musik von Frankie Miller oder ich rocke mich mit meiner eigenen Musik wach.»
«5 Uhr», sagt Chrieseli. «Musik ist gut, darf gerne World Music aus Afrika, Mittel- und Südamerika sein. Für Fabian Unteregger ist es leider noch zu früh.»
«Unteregger? Ein Politiker?» will Tony wissen.
«Nein, ein Komiker», sagt Chrieseli.
«Ist das nicht dasselbe?», fragt Tony.
«In der Person von Beppe Grillo, ja. Ansonsten Demagogen, die nerven!» sagt Gwundernase.
«..und unehrliche Politiker.. », sagt Chrieseli
«…und internationale Banker… », sagt Tony.
«…und nass-kaltes Wetter…», sagt Sonnenkind.
Inzwischen hat Tony Sonnenkinds Velo «ausgebeint» und die Einzelteile fein säuberlich vor dem Veloständer des Kulturmarktes ausgelegt. Velorahmen, Lenker, Handbremse, Muffe, Fahrlicht und Dynamo in Kleinstteile zerlegt, Kettenblatt, Mantel vom Schlauch getrennt, einzelne Speichen. Ein Passant erkundigt sich bei Tony über den Preis des Schutzblechs.
Nach dem Betrachten von Tonys Stückwerk möchte Chrieseli mal wieder «auf den Putz hauen». Gwundernase findet das super und schlägt eine Südostasien-Reise vor, mit Abstecher nach Australien. «Australia is simply the best», meint Tony zustimmend, Chrieseli jaja, ich auch, ich auch, aber heute reiche ihr ein wenig Abseits unter fröhlichen Menschen, weg von der Strasse, «Wohnzimmerbar?» « Wohnzimmerbar», sagen alle. Gwundernase weiss, dass dort mal «The maids» des französischen Dramatikers Jean Genet aufgeführt wurde, «leider ohne Cate Blanchett und Isabelle Huppert», fügt er grinsend an. «Hop on hop off», sagt Tony und drückt Sonnenkind den Velosattel mit 400 Franken in die Hand. «Unverkäuflich», sagt er, «keiner wollte den Sattel zu einem anständigen Preis, dafür hast du einen Platz auf sicher.»
«Einen Kulturplatz», ruft Chrieseli und zeigt auf den Kulturmarkt.
Total aus dem (Kulturmarkt-)Leben gegriffen :))