Das muss ich jetzt doch noch loswerden: Ein Monat ist schon vorbei und doch ist mir nichts Vergleichbares mehr untergekommen seit diesem denkwürdigen Morgen am 18. Juni. In aller Frühe wurde im Kulturmarkt der damals noch frische Sommer willkommen geheissen und brachte mein geruhsames Nörgel-Fink-Dasein durcheinander.
5.28 Uhr – eine wunderbare Zeit, um ein paar Triller in die kühle Luft zu schmettern, mein Gefieder zu putzen und mich auf Futtersuche zu begeben. Meine kleinen Vogelkinder werden bald schon hungrig die Schnäbel aufsperren. Doch Moment – was geht da vor sich, im Umkreis «meiner» Palme im Innenhof des Kulturmarkts?
Blau gefärbte Papageien sitzen plötzlich in den Bäumen und machen mir meine Lieblingsplätze streitig, farbige Regenpelerinen schaukeln in den Ästen und es ertönen seltsame Klänge. Aus dem Restaurant gurgelt, schwätzt, schimpft und brummelt es.

Aha. «Dada» sei das, krächzt ein blauer Kollege auf dem Ast nebendran, und Lacher und Glucksen zeigen mir, dass die versammelten Menschenkinder sich amüsieren.
Nun, eigenartige Wesen, diese Menschen, da lob ich mir einfaches Nörgel-Fink-Gezwitscher. Allerdings komm ich heute selber nicht dazu, denn: Die Zweibeiner da unten, was tun sie denn jetzt? Sie bewegen sich im Zeitlupentempo, breiten ihre Arme aus wie der Kranich seine Flügel? Das soll noch einer verstehen. Aber schön sieht das aus von hier oben, diese synchronen Bewegungen. «Tai Chi» sei das flüstert mein blauer Vogelnachbar mir zu und eine Meisterin des Fachs sei hier: Li Rong Mei.

Nun, wenn denn schon meine Morgenruhe gestört wird, dann will ich auch was Nahrhaftes davon haben – ich flattere zum Frühstücksbuffet und hoffe doch sehr, dass auch für mich ein paar Brosamen vom Tisch fallen.

«Oh, wie schön ist Panama beginnt!» – rufen ein Bär und ein Tiger aus und schon verziehen sich die kleinsten Gäste ins Innere des Hauses.

Andere wiederum versuchen das Land der Sehnsucht anderweitig herbeizuzaubern. Da kann ich nur staunen: Immer wieder neue Leute stossen dazu, verkleiden sich, mit Schnorchel und Flossen, Sonnenbrille und Hut, Gummiente und Surfbrett und legen sich in den Liegestuhl unter die Plastikpalme. «Das nenn ich doch einen Service, hier machen sie mein Ferienbild schon jetzt!» ruft jemand aus. Und Indiana Jones fläzt sich hin und lässt sich mit seiner Frau ablichten.

Das ist nichts für einen Nörgel-Fink wie mich, ich zieh mich zurück auf meine echte Palme und lausche der Musik, die da zu hören ist – Gesang von Voices, dem Jazzchor der Kanti Wiedikon, von Oleg Lips oder vom Trio Zugluft. Letzteres erinnert mich an Erzählungen meiner Zugvogel-Freunde, die mir von Akkordeon und Violinemusik erzählt haben und von mitreissenden, sanften, traurig-schönen und fröhlich-wilden Klängen berichteten.


Bald schon muss ich mir einen neuen Namen zulegen, mir fällt kaum noch was zu nörgeln ein! Ich flattere zu den Arkaden, picke mir unter dem Tisch ein paar Resten zusammen, die von den Mittagstellern zu Boden gefallen sind und hocke mich aufs Fensterbrett, wo ich einen Blick in den Saal ergattere. Spiele, Instrumente, Kleider, Hüte und Taschen werden von Hand zu Hand gereicht, gefeilscht und bezahlt. Gleichzeitig singt der Chor auf der Bühne und anschliessend gehen ein Improvisationstheater und die Salsa Tanzshow Fuego Y Pasion über die Bühne, dass die Bretter wackeln.

Nun packt mich vollends die Neugier – was um alles in der Welt ist denn «Das kleinste Theater der Welt», das gegenüber angekündigt wird? Kinder und Erwachsene verschwinden einzeln hinter einer geheimnisvollen Türe.

Künstlerinnen und Künstler mit Instrumenten oder ohne folgen auf Zehenspitzen und nach ein paar Minuten erscheinen die Gäste wieder, mit Strahlen auf dem Gesicht, Lachen um die Mundwinkel und Lust auf mehr: «Zauberhaft!» – «Wunderschön, ein Liebeslied, nur für mich allein!» – «Toll, aber ich sag dir nicht, was ich gesehen hab!» – «Das war lustig, ich will nochmal, ich will nochmal, ich setz mich nochmals hinten in die Reihe!» so zwei Kinder. Da entsteht an diesem Frühsommertag begeistertes Nachwuchstheaterpublikum! Gross und klein lassen sich beeindrucken und berühren – ich wollt, ich könnt auch rein und müsst kein Nörgel-Fink mehr sein.
Kulturmarkt-Fest, du warst so schön – komm wieder, nächstes Jahr, und bring mir meine blaugefiederten Freunde zurück, ja?

Ganz toll geschrieben! Und das Fest fand ich auch super, gerne nächstes Jahr wieder!
@Boris.. Danke, das leiten wir gerne an unseren nörgelnden Nachbarn weiter. Wir freuen uns nämlich auch schon auf nächstes Jahr!
ein denkwürdiger Tag wars, mit einigen berührenden Momenten.
… und schönen bildern
Ein toller Beitrag! Man hat diesen Festtag gleich vor Augen, sogar wenn man – wie ich – nicht teilnehmen konnte (weil man am Geburtstagsfest seines Vaters eingeladen war :-))
aber nächstes Jahr bist du hoffentlich dabei!? Samstag, 17. Juni 2017, Beginn: 05.28 Uhr