Was beim Kurs «Kreatives Schreiben» auch noch herausgeschaut hat.

Text und Foto von Borys Liechti

In den vergangenen Blog-Beiträgen hatte ich die Gemeinschaftswerke präsentiert, die beim Kurs «Kreatives Schreiben», den ich im Dezember besuchen durfte, entstanden waren. Dies war eine witzige Übung. Doch unser «Opus magnus» war je eine Kurzgeschichte, die wir in der Gruppe intensiv besprachen und daran feilten.

Einige einleitende Worte zu meinem Text: Goethes Ballade «Erlkönig» begleitet mich schon seit meiner Schulzeit, als wir das Gedicht genauer angeschaut hatten. Es hatte schon immer diesen magischen Sog, strahlte eine starke Faszination auf mich aus mit seinen schauerlichen Bildern, dem packenden Rhythmus, seiner märchenhaften Sprache und der tragischen Wendung. Nach mehreren eigenen Vertonungen habe ich mich nun an eine literarische «Fortsetzung» gewagt. Was passiert eigentlich, nachdem der namenlose Knabe in Erlkönigs Reich übergetreten ist? Was sind die Absichten dieses mächtigen Wesens, warum lockte er so unnachgiebig? Hier eine ganz persönliche Interpretation.

 

In Erlkönigs Palast

Es war stockdunkel. Seine Augen blickten angestrengt und schwer umher, doch er konnte nichts erkennen. Ihn fröstelte. Er konnte sich nicht erinnern, was geschehen war. Ein verführerisches Glitzern funkelte vor seinem inneren Auge. Er war an einem rauschenden Fest gewesen, er war anscheinend der Ehrengast gewesen, denn alle hatten ihn hofiert und erwartungsvoll zu ihm geblickt. Ein tiefer Rausch hatte von ihm Besitz ergriffen, das alles musste bis tief in die frühen Morgenstunden gedauert haben. Erinnerungsfetzen an schneidende, klirrende Klänge eines Orchesters, kühl lächelnde Gesichter rundherum, lüsterne Blicke, hart wie Eis.

Er erinnerte sich an den festen Griff an seine Hüften, eine hart zupackende Hand, dazu den funkelnden Blick beinahe schwarzer Augen, nicht unschön anzusehen, doch furchteinflössend. Die dunkle Stimme des Mannes, der ihm süsse Schmeicheleien zuraunte, der ihn betörte und ihm stets ein neues Glas dunklen, zähflüssigen Weins hinhielt.

Langsam wurden die Bilder in seiner Erinnerung etwas deutlicher. Er war in der Dämmerung durch den Wald geritten, als die Nebelschwaden mit einem Mal herangezogen waren und man kaum noch eine Armlänge weit sehen konnte. Er hatte gezittert, Kälte durchdrang ihn. Er hatte bedrohliche Schemen erblickt, die sich schauerlich langsam bewegten, die er nicht einordnen konnte; es war gewesen, als sprächen körperlose Stimmen auf ihn ein, ihn murmelnd umsäuselnd. Wie in einem Fieberwahn hatte er immer mehr dieser unirdischen Gestalten erkannt, die ihn zu locken schienen, die tanzten und wiegten und düstere Weisen sangen und ihn in ihren Bann zogen, verlockend und süss, zugleich Ängste auslösend, die ihn taumeln und die Orientierung verlieren liessen.

Düstere, drängende Empfindungen hatten ihn tief in den Wald hinaus getrieben; trotz seiner Angst liess er sein Pferd stehen, um zwischen den Bäumen wie von Sinnen schwankend den Gestalten zu folgen, die ihn lockten in eine unbekannte Welt. Die Gesänge und Tänze verführten ihn, vernebelten seine Sinne, und er verstand sich selbst nicht mehr; er gab sich der dunklen Lockung hin, dachte immer weniger darüber nach, tanzte bald mit, ergab sich mehr und mehr dem Schauer der Gestalten, die ihn dunkelsüss umgarnten und mit knochigen Händen von allen Seiten befingerten, bis es ihn schmerzte, doch auch auf ungekannte Weise reizte. Jemand küsste ihn auf den Mund, ein knorriger Mund mit spitzen Zähnen, die seine Lippen ritzten; fauliger, alkoholdurchtränkter Mundgeruch wehte ihm entgegen, es war ihm unangenehm, doch liess er es geschehen. Jemand fuhr ihm grob durchs Haar, zerrte seinen Kopf nach hinten, fasste mit sehnigen Händen hart an seine Brustwarzen, kratzte sie unsanft und lachte unheilvoll. Dann erneut ein Glas des dunklen Weins, ungefragt an seine Lippen angesetzt. Er hatte es gierig ausgetrunken und sich bereits nach dem nächsten gesehnt. Er spürte kaum noch etwas, ergab sich dem Rausch, versuchte zu lachen, vergass sich. Hände aus dem Nichts hatten ihn gepackt und davongezogen, ihn auf ein kühles Bett geworfen, doch wie er dorthin gelangt war, wusste er nicht … Den stechenden Schmerz, seinen gequälten Aufschrei kurz darauf hatte er nur noch wie aus der Ferne wahrgenommen.

Nun stand er hier, im Dunkeln, es roch modrig. Ein Hier und Jetzt ohne Ort und Zeit. Er versuchte zu rufen, doch kein Ton drang aus seiner Kehle, was ihn panisch werden liess. Gehetzt erhob er sich und versuchte, seine Umgebung zu erkunden, einen Ausweg zu finden; doch das Tasten, das Abklopfen, das Hämmern seiner Hände: Alles wurde verschluckt, wie Watte, nein, wie von feuchtem Moos, das jedes Geräusch, jeden Kraftakt absorbierte. Wild schlug er um sich, lief blind im Kreise umher – doch überall spürte er nur diese seltsamen Wände, die kein Durchkommen erlaubten.

Nachdem er es nach einer Ewigkeit aufgegeben hatte, einen Ausweg zu finden, nach ergebnislosem Hämmern an diese weichen, doch unerbittlichen Wände, nach zahllosen stummen, blinden Schreien, legte er sich schliesslich wieder in sein Bett, das einen klammen, kühlen Eindruck hinterliess. Er fühlte sich schmutzig, klebrig, doch er wusste nicht, was genau geschehen war. Gefangen in einem Kokon, ohne sich bemerkbar machen oder entkommen zu können, auf sich allein zurückgeworfen – seine Gedanken, seine Gefühle, seine fieberhaften Erinnerungen an ein ungreifbares früheres Leben: alles, was ihm jetzt geblieben war.

Hunger und Durst verspürte er auch nach endlosen Stunden keinen, er war in diesem Zustand gefangen und konnte nichts dagegen tun. Es gab kein Davor und Danach, kein Drinnen oder Draussen, seine Körperlichkeit war ihm abhandengekommen, ohne dass er etwas bemerkt hätte, es gab nur noch ihn selbst, sein Inneres. Seine Gedanken kreisten stetig, doch sie waren nicht fassbar. Viel später, als er völlig erschöpft war, schlief er endlich ein.

Irgendwann wachte er wieder auf. Es war stockdunkel. Seine Augen blickten angestrengt und schwer umher, doch er konnte nichts erkennen. Ihn fröstelte. Er konnte sich nicht erinnern, was geschehen war. Ein verführerisches Glitzern funkelte vor seinem inneren Auge. Er war an einem rauschenden Fest gewesen.