Ein viel zu grosses Dekolletee, ein Chef in Lederhosen, eine resolute Krankenschwester, ein nasser Hund – was die wohl miteinander zu tun haben? Willkommen in der verrückten Welt der Instant-Geschichten!
Von Borys Liechti
Im «Kulturmarkt» haben die temporären Mitarbeiter/innen die Möglichkeit, Kurse zu besuchen, die sie in ihrer persönlichen Entwicklung weiterbringen. Einer davon ist, in Zusammenarbeit mit JobTV, das «kreative Schreiben». Ich hatte das Glück, den Kurs im Dezember besuchen zu dürfen, und hatte eine tolle Zeit.
Die Romanautorin Ulrike Ulrich zeigte während drei Tagen innovative Techniken und Wege, wie man an einen Text herangehen und sich Inspiration holen kann. Eine unserer Übungen, hiess – nach dem Buch, auf dem sie basiert – «Instant-Geschichten» und erinnert ein bisschen an das Kinderspiel, wo jemand den Kopf einer Figur zeichnet, das Blatt dann an die nächste Person weitergibt, die ihrerseits den Rumpf zeichnet, und im dritten Schritt kommen durch eine dritte Person noch die Beine dazu.
Dasselbe haben wir mit den folgenden Texten gemacht, die hier in den nächsten Tagen in einer kleinen Serie präsentiert werden. Jeder der drei Absätze wurde wieder von einer neuen Person geschrieben. Immer nach fünf Minuten wurde das Blatt weitergereicht, man hatte also kaum Zeit zu korrigieren, sondern musste «wild drauflos schreiben». Und noch eine Regel gab es: Pro Abschnitt mussten jeweils die Stichwörter «Sicherheitsnadel», «Stoppuhr» und «Hund» (in dieser Reihenfolge) vorkommen, diese wurden durch Zufall bestimmt. Diese Wörter sind in den Texten gross geschrieben.
Und so kamen witzige, absurde, mehr oder weniger logische, aber auf jeden Fall sehr lesenswerte Kurzgeschichten zustande. Viel Vergnügen!
Texte von Alexandra Dietrich, Nicole Frank, Susanne Kolb, Borys Liechti, June Thon, Annette Wartmann, Marianne Winkelmann
Geschichte Nr. 1
Zum Geburtstag habe ich von meiner Tochter eine Bluse bekommen. Sie gefällt mir sehr gut, farbig mit Blumen. Sofort probiere ich sie an. Aber auweia, der Ausschnitt ist viel zu gross. Aber ich möchte sie trotzdem behalten. So gehe ich zur Nähschachtel und hole mir eine SICHERHEITSNADEL und verkleinere damit den Ausschnitt. Zum Glück kann man sie so befestigen, dass man sie nicht sieht.
So kann ich zur Weihnachtsfeier im Betrieb gehen. Man weiss ja, wie wichtig es ist, dort einen guten Eindruck zu machen. Schon am Eingang sehe ich aber, dass ich etwas vergessen habe, vor mir steht der Chef in Lederhosen und zerrissenem T-Shirt. Was war nochmal das Motto von dieser Feier? Keine Ahnung. Bevor er mich gesehen hat, verschwinde ich auf der Besuchertoilette. Draussen höre ich den Buchhalter sagen: Mit einer STOPPUHR um den Hals ist man doch nicht verkleidet! Was mache ich nur mit der Sicherheitsnadel?
Kann mir jemand das Motto sagen? Der Chef in zerrissenem T-Shirt … Ich muss wohl meine Bluse zerreissen. Die schöne Bluse. Wie sage ich es bloss meiner Tochter? Ich werde vor ihr stehen wie ein nasser HUND. Ich habe das Bild schon vor mir. Oh, los geht’s. Reissen, nicht nachdenken. Ratsch, so ist gut. Ratsch – oh, das war zu weit. Sicherheitsnadel muss her.
Geschichte Nr. 2
Sicher (ist nichts) heits (der guet?) nadel (öhr) … Bim Bam Bum … Peter blinzelte. Langsam öffnete er seine Augen. Die Spitaldecke war weiss und kalt und blendete ihn fürchterlich. Wie war er nur hierhin gekommen. Wer war er? Da war nichts in seinem Hirn. Leer. Leer ausser … Langsam formte sich ein Bild. Kalt. Spitzig. Drahtig. Eine SICHERHEITSNADEL!
Wo kam die denn jetzt her? Hatten sie etwa seinen Verband damit zugenadelt? Er sah sich um, niemand da, er rief eine Schwester. Diese kam mit einer STOPPUHR in der Hand ins Zimmer, war sie gerade dabei, einem Patienten den Puls zu messen. Peter beschwerte sich über seinen Verband und die höllischen Schmerzen und wollte zudem wissen, was denn los sei und wieso er in diesem Zimmer läge. Die Schwester beruhigte ihn und befahl ihm, mal für fünf Minuten den Mund zu halten, sie betätige jetzt die STOPPUHR und erst, wenn diese abgelaufen sei, dürfe er wieder sprechen.
Ja, was soll denn das?! Wieso darf ich nicht sprechen in diesem Spital? Ich zahle doch für meinen Aufenthalt. „Wenn Sie so frech zu mir sind, Schwester, dann bestelle ich gleich noch meinen HUND hierher! Das lasse ich mir nicht bieten!“ Er griff zum Telefon und rief seinen Bruder an: „Hallo Kurt, bring mir doch meinen HUND vorbei!“
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