Kultur ist ein Überbegriff für alles, was vom Menschen gestaltet wird und darüber hinaus. Eine unendliche Aufgabe, über diesen Begriff etwas Endliches zu schreiben. Drei schöne Beispiele für die bildende Kunst sollen den Grenzen dieses Logbuches Genüge tun.

Text David Marti

Ich gehe seit Oktober im Kulturmarkt ein und aus. Obwohl ich mehr aus als ein gehe, frage ich mich: Was ist dieses Kultur eigentlich? Ist es mehr als das Glitzern in den Augen eines Tweetjacken-tragenden-im-NZZ-Feuillton-lesenden-Zürcher-Universitätsprofessors, der während des Lesens ein Wiener-Kulturhauptstadt-Europas-Schnitzel verdrückt? Vielleicht sagt sich der holde Leser jetzt: Hör auf mit den beschissenen Bindestrichen – (Gedankenstrich!) du kläglicher Strichjunge! Daraufhin sage ich: «Nö!», und widme mich wieder der Frage, was Kultur eigentlich ist und wieso verdammt noch mal so viel von eben dieser in meinen ersten fünf mickrigen Zeilen verloren gehen kann? Im Fall voll der Kulturabfall schon. Was mich an die Installation in einer deutschen Kunstausstellung erinnert: Ein Kunstwerk, aus goldfarbener Rettungsfolie, auf dem Boden aufgebaut, wird von der Putzfrau in den Abfall geschmissen, weil sie es für Müll hielt. Während ich Müll Zuhause horte, den ich für Kunst halte. Im Folgenden widme ich mich zwecks Selbstbildung der bildenden Kunst, genauer den Gattungen Malerei, Architektur und Fotografie. Wobei ich bei der Fotografie den künstlerischen Aspekt ein wenig aus dem Fokus verliere. Künstlerpech.

 

Malerei – der sichtbare Pinselstrich

«Interessant, interessant», murmle ich in die Farben eines Gemäldes und spucke dabei unabsichtlich in die gemalte Landschaft. Macht nichts. Das Bild eines gewissen Claude Monet mit dem Titel «Die Seine bei Eisgang» ist eh schon sehr feucht. Es zeigt eine Flusslandschaft mit Pflanzen und Eis – dilettantisch. Zudem habe ich mich künstlerisch betätigt, Stichwort Interikonizität.

Claude Monet: Die Seine bei Eisgang (1881)

Claude Monet: Die Seine bei Eisgang (1881)

 

Als Angehöriger der Spezies Homo Google erkläre ich den Begriff: Interikonizität ist die Absicht des Bildproduzenten auf andere Bilder Bezug zu nehmen, so dass dieser Bezug von den Betrachtern erkannt wird. Das zitieren eines Zitats sozusagen. Ein gutes Beispiel für diese Arbeitsweise ist Edvard Munchs «Der Schrei», dessen Sujet des verzogenen Gesichtes als Vorlage für die Maske der Scream-Filme aus Hollywood diente. Wiederum auf diese Filmreihe hat die SUVA in ihrer Velohelmkampagne Bezug genommen (siehe Bild). Während ich also eine Handbreit  weg vom Bild klebe (diese Angewohnheit ist mit der Tatsache verbunden, dass ich schlechter sehe als ein Maulwurf nach 13 Wodka-Shots) wird mit schlecht, weil ich den letzten Hauch Öl aus den 130-jährigen Farben schnüffle.

 

Edvard Munch: Der Schrei (1893), Scream, Maske aus dem Film, SUVA-Kampagne, Velohelm (von links nach rechts)

 

Architektur – Baukultur

Architektur wird gerne als Mutter der Künste bezeichnet. Wieso? Weil ich das aus den Unterlagen meines früheren Studium-Seminars geklaut habe. Zudem sind verschiedene gestalterische, handwerkliche, künstlerische und andere Tätigkeiten in einem Bauwerk vereint. Architektur ist gestalteter Raum, darin sind die wichtigsten visuellen Künste enthalten: Baukunst, Kunsthandwerk, Malerei, Grafik, Zeichnung etc. Das Zwinglihaus wurde von 1923 bis 1925 erbaut. Damals war der reformistische Gedanke der Godfather-of -Reformation-Ulrich-Zwingli-Stadt ein Grund für Diskussionen  rund um den geplanten Bau des damaligen Kirchgemeindehauses. Es bestand die Angst, die Architektur des Zwinglihauses verkörpere einen konsolidierten evangelischen Kirchenbau, der für die Zukunft keine Umnutzung zulassen würde. Diese Informationen habe ich aus der Zeitschrift «Das Werk», vom 10. Januar 1925, die ich im Futter meiner Winterjacke gefunden habe. Die Angst hat sich nicht bewahrheitet. Die Umnutzung hat stattgefunden und der Kulturbetrieb Kulturmarkt teilt sich mit der Zwinglikirche das Anwesen an der Kreuzung  Aemtlerstrasse / Kalkbreitestrasse .

 

Zwinglihaus 1925 nach den Neubau (Bild: Ernst Linck, Zürich. Aus: «Das Werk», Heft 10, 1925)

Zwinglihaus heute (Bild: David Marti)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Statt weiterbilden, könnte ich mich ja auch umnutzen, denke ich mir während ich auf den in der Zeitschrift eingepackten grauen Schokostengel beisse und mich im ehemaligen Pfarrhauszimmer gemütlich im Bürosessel zurücklehne. Danach wird mir schlecht.

 

Fotografie – dem Moment Dauer geben

Der ersten Fotografie der Welt, 1826, war eine achtstündige Belichtungszeit mit einer Camera obscura vorausgegangen. Acht Stunden! Man stelle sich vor, ein acht-Stunden-Selfie in Totenstarre und hinterher sieht das Ergebnis trotzdem aus wie fortwährendes Trampolinspringen mit pausenlos von links nach rechts geohrfeigtem Gesicht. Und hinterher stellst du es auch nicht der gesamten Welt zur Verfügung, weil das niemand liken, sharen und taggen will, weil es einfach Scheisse aussieht und du dich von der nächsten Klippe stürzt, weil völlig im Glauben tatsächlich so beschissen auszusehen. Daraufhin kommt der Kriminalistikmaler und malt drei Wochen am Gemälde deiner zerschmetterten Leiche, bis ihm ob dem Verwesungsgeruch schlecht wird und er den Pinsel niederlegt und sich der Hofgärtnerei des hiesigen Klosters zuwendet. Die oben genannte Tragödie zeigt zweierlei: 1. Gut Ding will Eile haben und 2. Die technisch einfache Reproduzierbarkeit von Abbildern wurde erst im Zuge der Erfindung der Fotografie möglich. Nachteil dieser Entwicklung ist die zunehmende Überflutung mit Kopien. Eines der häufigsten reproduzierten Fotos ist Alberto Kordas Bild von Che Guevara. Der kubanische Fotograf Korda schoss das Foto an einer Trauerfeier in Kuba. Ein Schnappschuss. Korda drückte zweimal auf den Auslöser, einmal Hochformat, einmal Querformat, zack, fertig, Che verschwindet wieder hinter anderen Trauergästen. Das Foto schaffte es am nächsten Tag nicht mal in die Zeitung, Fidel, der an der Trauerfeier eine Rede hielt, wurde abgedruckt. Erst 1967 als die Nachricht von Ches Tod weltweit Schlagzeilen machte, liess der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli das Bild auf  Postergrösse aufziehen und an die protestierende Studenten in Mailand verteilen. Danach war Ches Konterfei als Sinnbild in linken Demonstrationszügen nicht mehr wegzudenken.

Originalbild von Ernesto Rafael Guevara de la Serna, genannt Che Guevara (Bild: Alberto Korda, 1960)

Der Verleger Feltrinelli hat das Foto übrigens von Alberto Korda geschenkt bekommen. Dieser hat nie auch nur einen Cent Tantiemen oder Honorar verlangt. Er hat die Reproduktion allen zur Verfügung gestellt, die das Andenken Ches wahren und die soziale Ungerechtigkeit in der Welt anklagen wollen. Einmal klagt er vor Gericht eine Werbeagentur ein, die das Foto für ihre Werbekampagne benutzte. In der aussengerichtlichen Einigung erhielt er 50‘000 Dollar und spendete den erstrittenen Betrag sogleich. Produkt der Werbekampagne war die Wodka-Marke Smirnoff. Absolut-Wodka-verständliche-Aktion des Fotografen. Sonst wäre mir schlecht geworden.