Vier Neuankömmlinge im Kulturmarkt, vier Erzählweisen, viele ungeheuerlichen Gedanken. Und wer zum Teufel ist eigentlich Herr Brauner? Eine neue Geschichte beruhend, wie schon im letzten Blog, auf gesammelten hochvertraulichen Daten der vier Auserwählten. Die Namensgebung der vier erfolgte auch wieder auf Wunsch über ein Pseudonym oder den echten Vornamen. Los.

Text und Bilder von David Marti

 

Moglis Morgen

«…Merkels Chancen auf eine Wiederwahl seien intakt, dies sagt…» Eine Hand schlägt auf den Snoozeknopf. Der Radiowecker zeigt 6 Uhr.

«…this ist the right time to…» Hand schlägt auf Snoozeknopf, 6.10 Uhr.

«…I miss you…» Hand, Snoozeknopf, 6.20 Uhr.

«…Verkehrsinformationen von Radio SRF von 6.30 Uhr, stockender Verkehr auf den folgenden Strecken: A1, auf der Verzweigung…“ Mogli steht auf.

Schon wieder nicht genügend geschlafen. Mein Handy – kaputt, dennoch wieder die ganze Nacht an der Steckdose. Eine lebenserhaltende Massnahme, mehr nicht.

Mogli schaltet ihr Handy ab und schlurft schlaftrunken in die Küche, wo sie Herrn Brauner begegnet.

„Guten Morgen, Herr Brauner, na, auch noch nicht wach?“

 

Josés Morgen

José drückt die schwere braune, mit Ornamenten an Türkörper und Zarge überzogene Holztür auf und steht mitten im Zürcher Stadtverkehr. Seine dünnhäutigen Halbschuhe und seine «unpelzgefütterte» Lederjacke lassen nicht auf die kühle Jahreszeit schliessen, deren unausweichlichen Vortrieb sich an der Bekleidung der anderen Passanten und der Eisschicht einiger Autowindschutzscheiben bemerkbar macht. Kaum einige Schritte gemacht, öffnet sich das Fenster in Josés Wohnung im zweiten Stock. In der Fensteröffnung wedelt Josés Frau mit Justin Cronins «the city of mirrors», wirft das Buch José in die Hände und wünscht ihm einen schönen Tag, was José mit einem Lächeln quittiert, dieses sogleich wieder verliert als er Demonstranten mit einem Banner «stoppt den fremden Einfluss auf unser Essen» auf der anderen Strassenseite entdeckt.

Monés Morgen

Den Morgen gut in Kaffee eingepackt, mache ich mich auf den Weg Richtung Kulturmarkt. Moment, war das jetzt der glutenfreie Kaffee von meiner Nachbarin? Wieso nochmal verstehen die Gluten die Abneigung gegen ihre Präsenz in Lebensmitteln nicht? Ja, gut, es war ihnen über Jahrtausende eine fraglose Präsenz in zahlreichen Nahrungsmitteln gegönnt, diese Präsenz bröckelt. Gluten lässt man heute gerne mal aussen vor, früher nur bei Zöliakie-Kranken, heute des Lifestyles wegen. Der Lifestyle «glutenfrei» ist mächtig. So mächtig, dass plötzlich glutenfreie Pasta, Müesli, Joghurt, Brot und eben Kaffee in den Regalen steht. Ich halte mich vorwiegend im «Glutenreich» auf, verstehe aber die «glutenfreie Zone», Unverständnis wäre auch Intoleranz. Intoleranz macht es schwierig sich überall wohl zu fühlen.

 

Davids Morgen

Die S7-Bahn fährt in Kloten ein. Die wurde in den 60er-Jahren noch «Goldküstenexpress» genannt, so schnell war damals die Verbindung von Zürich nach Rapperswil. David ist am Bahnsteig in der Menge, trippelt und trappelt auf der Stelle, drängelt und quengelt, zwängt und drückt sich zur Tür, schubst eine zierliche Frau zur Seite, streckt und reckt den Arm nach der Türe, wie wenn er aus Gummi wäre, aber ein kleines Menschlein ist schneller und kommt ihm zuvor, denn diese kleinen Menschlein wuseln mit ihren Gliedern, wie flüchtendes Wild. Schon öffnet sich die Türe mit einem «wusch» und bevor Passagiere aussteigen können, schlüpft David hinein. Ein Passagier zerrt ihn raus und schüttelt den Kopf, «nein, nein», sagt er, fast entschuldigend sagt er: «So geht das nun nicht, die Passagiere sind noch nicht ausgestiegen und wo kämen wir denn da hin, wenn die Passagiere nicht aussteigen können, bevor Passagiere einsteigen können.» Und David versteht das, denn nur weil er ungeduldig ist, ist er noch lange nicht uneinsichtig.

 

Vor-dem-Kulturmarkt-Morgen

Es treffen ein Mogli, Moné und José. José berichtet missmutig von seiner Diskussion mit den „closed minded people». Mogli fühlt sich heute wie im Dschungel und freut sich auf den Kulturmarkt, der ihr als schützende Kulturinsel erscheint, sie vermisst auf ihrer Insel nur Herrn Brauner. Moné schlürft dazu einen Kaffee und hört innerlich Musik. José bemerkt, dass Moné mit dem Fuss wippt. «Alles gut?» fragt er.

Moné:«Höre gerade ‘Queens of the stone age’.»

José: «‘Songs for the deaf?’»

Moné : «Wie bitte?»

José : «Hast du auch diesen lächerlichen Fragebogen ausfüllen müssen von dem Neuen?»

Moné: «Ja, die Gütekriterien der wissenschaftlichen Forschung wurden total vernachlässigt. Wo bitte ist die Objektivität…»

José:«…die Reliabilität…»

Moné: «….die Validität?»

Mogli: «Herr Brauner hätte das gewusst. Wo ist eigentlich der Neue?»

Der Niederflurbus 72 fährt in «Zürich Hardbrücke» ein. Der wurde in den 60er-Jahren noch « Saurer 411 LM» genannt, so heimatverbunden war damals die Verbindung von Stadtrand zu Stadtmitte. David ist am Bussteig in der Menge, trippelt und trappelt auf der Stelle, drängelt und quengelt, zwängt und drückt sich zur Tür, schubst eine zierliche Frau zur Seite, streckt und reckt den Arm nach der Türe, wie wenn er aus Gummi wäre, aber ein kleines Menschlein ist schneller und kommt ihm zuvor, denn diese kleinen Menschlein wuseln mit ihren Gliedern, wie flüchtendes Wild. Schon öffnet sich die Türe mit einem «wusch» und bevor Passagiere aussteigen können, schlüpft David hinein. Ein Passagier zerrt ihn raus und schüttelt den Kopf, «nein, nein», sagt er, fast entschuldigend sagt er: «So geht das nun nicht, die Passagiere sind noch nicht ausgestiegen und wo kämen wir denn da hin, wenn die Passagiere nicht aussteigen können, bevor Passagiere einsteigen können.» Und David versteht das, denn nur weil er ungeduldig ist, ist er noch lange nicht uneinsichtig.bus