115 Stellensuchende nahmen im Jahr 2014 am Qualifizierungsprogramm des Kulturmarkt Zürich teil, darunter 19 erwerbslose Kulturschaffende aus Theater, Tanz, Musik und Bildender Kunst. Wolfgang Beuschel, Leiter des Fachbereichs «Kulturschaffende», spricht über die Erweiterung seines Fachbereichs. Und über Selbstzweifel und Perspektiven der Kulturschaffenden.

 

«Nach zwei bis drei Jahren stehen Viele richtig gut da!»

Wie wirkte sich die Erweiterung des Fachbereichs von der Darstellenden Kunst zum umfassenderen Kreis von Kulturschaffenden aus?

Wolfgang Beuschel – Schon vor der Erweiterung war ich für sechs Teilnehmende verantwortlich. Und von diesen Teilnehmenden waren etwa 90 Prozent darstellende Künstler. Es gab aber immer wieder eine Sängerin oder einen Pianisten. Als Dieter Sinniger Geschäftsführer wurde, erweiterten wir das Spektrum. Denn wir merkten, dass es einen Bedarf gibt. Ausser den Schauspielerinnen und Schauspieler nehmen heute Filmemacher, Tänzerinnen oder auch Illustratorinnen an unserem Programm teil.
In der Zusammenarbeit der Teilnehmenden untereinander beobachte ich oft, dass die unterschiedlichen Ausrichtungen bereichernd sein können. Wenn sechs Kreative zusammenkommen und sich unterhalten, entsteht ein Open Space. Darin finden alle Beteiligten Ideen, Vertiefungen, Informationen, Anregungen – und auch Anerkennung.

Im Mai 2014 führtest du mit Kulturschaffenden, dem Ensemble TaG und Fünftklässlern des Zurlinden-Schulhauses das Sprechmusiktheater «Ernst Jandl – Aus dem wirklichen Leben» auf. In welcher Hinsicht profitierten die Stellensuchenden von diesem Projekt?

Ich möchte Kulturschaffende nicht von anderen Menschen unterscheiden. Und das Wichtigste für jeden Menschen ist, dass er einer Arbeit nachgehen kann. In der Eigenproduktion übten die Kulturschaffenden also während einiger Monate ihren Beruf aus, arbeiteten mit Kindern und professionellen Musikern. Das empfanden sie als Bereicherung, weil sie sich mit Neuem auseinandergesetzt und neue Kenntnisse erworben hatten. Das ist das eine. Das andere sind die Netzwerke, die bei der Arbeit an «Aus dem wirklichen Leben» entstanden sind. Die Schauspieler haben die Musiker kennengelernt und die Musiker die Schauspieler. Jeder dieser Musiker macht permanent Projekte, für die Leute gesucht werden.
Solche Netzwerke ermöglichen den Schauspielern immer auch, wahrgenommen und für weitere Projekte angefragt zu werden. Konkret hat einer der Schauspieler aus der Arbeit an unserer Eigenproduktion einen bezahlten Auftritt als Sprecher in einer Gruppe von fünf Musikern bekommen. Das ist der Weg.

Was machst du, damit die Kulturschaffenden lernen, sich im Wettbewerb um knappe Mittel zu behaupten?

Ich finde, in der Schweiz haben wir einen im Vergleich zum europäischen Umfeld grossen Kuchen. Aber es gibt ausgesprochen viele Menschen, die von diesem Kuchen essen wollen. Er reicht also nicht für alle. Einige kommen zu Geld, andere nicht. Das gibt Druck auf die Leute, und es kommt sehr darauf an, wie aussagekräftig die Dossiers sind, mit denen man sich bewirbt. Denn Mittelbeschaffung heisst immer: Ich habe eine Idee, die ich in einem Dossier beschreibe, und das so klar und ansprechend, dass die Stadt oder auch Stiftungen das Projekt mit Geld auszeichnen. Meine Aufgabe ist es, den Kulturschaffenden zu helfen, die Dossiers so zu gestalten, dass sie für ihr Projekt Geld bekommen.

Zeigen die Kulturschaffende auch Widerstände gegen das Selbstmarketing?

Auf Widerstände stösst man erst, wenn man das Wort «verkaufen» in den Mund nimmt. Denn niemand will sich «verkaufen». Aber sich darstellen und dokumentieren, was man kann, will jeder Mensch. Und eben das tun wir im Kulturmarkt. Widerstände kommen also kaum vor.
Aber es gibt Leute, die zum Beispiel scheu sind. Mit denen kann man diskutieren und darüber nachdenken, in welcher Form sie sich angemessen einem grösseren Publikum und möglichen Geldgebern zeigen. Die Art und Weise, sich zu bewerben, ist von Mensch zu Mensch anders. Aber selbstverständlich kann ein scheuer, introvertierter Künstler sich so präsentieren, dass man ihn wahrnimmt.

Wie arbeitest du mit Kulturschaffenden, die idealisierende Vorstellungen ihres Berufes haben?

Wenn jemand stellensuchender Kulturschaffender ist, sieht er ja die Realität und erkennt, dass es schwierig ist. Er steckt ja mittendrin. Und die Auseinandersetzung mit der Realität bringt eine Analyse der eigenen Situation. Dabei gibt es nichts zu träumen.
Doch Menschen, die als Kulturschaffende arbeiten, sind in ihrer Seele idealistisch. Denn Sie lassen sich auf einen Berufsweg ein, der sehr schwierig sein kann. Untersuchungen bestätigen auch, dass es diesen Menschen nicht ums Geld geht. Sie wollen ihren Beruf ausüben und sind dafür bereit, auch mit sehr wenig Geld zu leben. Das ist ein Unterschied zu jemandem, der sich erst wertvoll fühlt, wenn er 150‘000 Franken im Jahr verdient.

Sind Selbstzweifel ein Thema? Wie unterstützt du stellensuchende Kulturschaffende, sich mehr Selbstsicherheit anzueignen?

Jeder Mensch, der arbeitslos wird, fällt in ein Loch. Das ist bei Kulturschaffenden gleich wie bei allen anderen Erwerbsfähigen. In den letzten 15 Jahren habe ich mit zahllosen Menschen zusammengearbeitet. Darunter gab es welche, die einen anderen Beruf ausüben wollten oder sonst gerne einen anderen Weg gegangen wären. Aber ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht arbeiten wollte. Ich bin fest der Überzeugung, dass der Mensch auch dafür geboren wurde, dass er arbeitet. Arbeitslos zu werden ist darum eine Kränkung. Und diese Kränkung macht uns zu schaffen. Wenn nun Menschen in der Arbeitslosigkeit allein gelassen werden, steigt die Gefahr einer Depression, eines Rückzugs aus dem gesellschaftlichen Leben. Man wird krank. In unseren Programmen teilnehmende Menschen können herkommen, können etwas arbeiten, haben eine Tagesstruktur. Das allein ist ein Segen. Gewiss schauen wir Probleme auch vertiefter an und versuchen Kränkungen und Selbstzweifel zu beheben. Es geht dann immer darum, ein gesundes Selbstbild zu entwickeln. Das gibt Kraft, um nach der Zeit im Kulturmarkt, wieder vor Leuten aufzutreten.

Du hilfst den Kulturschaffenden auch beim Aufbau eines zweiten Standbeins. Wie?

Wir gehen davon aus, dass Kulturschaffende einen schwierigen Beruf ausüben. Darum arbeiten wir mit Mehrwegstrategien. Zusammen mit den Teilnehmenden achte ich auf Kompetenzen, die aus dem Kulturschaffen kommen und die finanziell und existenziell anders umgesetzt werden können. Die Frage ist immer: Was kann jemand? Er oder sie kann auf die Bühne gehen, kann vor Leute stehen und reden, das heisst: auftreten. Nun gibt es andere Leute, die eine Rede halten müssen, aber Angst davor haben. Für solche Leute kann ein Schauspieler ein Auftrittstrainer sein. Er wird sich entsprechend methodisch und didaktisch weiterbilden und dann neben seinem schauspielerischen Engagement Kurse in Auftrittskompetenz anbieten. Und so setzt sich dann aus mehreren Teilen eine Existenz zusammen.

Welche Art von Zweiterwerb streben die Kulturschaffenden an?

Seit einigen Jahren empfehle ich vielen Kulturschaffenden das SVEB-Zertifikat zu machen. Wenn man dieses Diplom in Methodik / Didaktik hat, kann man alles, was man selber kann, in Angebote umsetzen und weitergeben. Darin liegt eine konkrete Chance für ein einträgliches zweites Standbein. Im Übrigen bin ich der Auffassung, dass jeder Mensch seine Stärken erkennen, sich auch aus- und weiterbilden und den Beruf ausüben soll, der für ihn der richtige ist – und nicht einen Job annimmt, der ihm nicht behagt und der besser durch eine andere Person ausgeübt worden wäre. Denn diese Person wäre wohl auch darauf angewiesen, einen für sie stimmigen Beruf ausüben zu können. Im Grunde geht es also immer darum das zu finden, was der Mensch will.

Welche Aussichten haben Leute, die den Kulturmarkt verlassen?

Zwar erlebe ich es selten, dass ein Kulturschaffender nach dem sechsmonatigen Einsatz im Kulturmarkt schon wieder auf der ganzen Linie im Berufsleben etabliert hat. Aber es gibt viele Teilnehmer, die nach zwei bis drei Jahren richtig gut dastehen. Diesen Leuten merkt man an, dass unsere Arbeit zur Blüte gekommen ist. Ein Teilnehmer etwa hat sich als Lehrer für Sprecher ausbilden lassen und anschliessend das SVEB-Zertifikat erworben. Heute unterrichtet er Deutsch für Fremdsprachige, gibt Kurse in Auftrittskompetenz, arbeitet als Schauspieler. Er hat sich von der Arbeitslosenversicherung lösen können und ist sehr zufrieden mit seinem Leben und Schaffen.